(Wie) Wollen wir gendern?

Pro und Kontra von gendersensibler Sprache in der Unternehmenskommunikation

Foto mit Frau, die den Daumen hoch und Mann, der den Daumen runter zeigt

Liebe Leserinnen und Leser,
heute wollen wir mit Ihnen ein Thema abseits der Praxisoptimierung besprechen. Ein Thema, das praktisch uns alle betrifft, die wir nach außen kommunizieren:
Wollen wir – und wenn ja – wie wollen wir gendern?

Ob im privaten Umfeld oder im Kolleginnen- und Kollegenkreis: Das „Genderthema“ ist allseits präsent. Es wird verteidigt und verteufelt. Die einen zucken die Schultern, andere rollen genervt mit den Augen. Das Thema bietet viel Diskussions- und Zündstoff und zieht sich als Reibungspunkt quer durch die Gesellschaft. Bis auf die strengsten Befürworter:innen gendersensibler Sprache und die konsequentesten Gegner:innen schwimmen viele unschlüssig zwischen der alten und der neuen Sprachwelt.

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Der gutgemeinte Grundgedanke gendergerechter Sprache

Gendergerechte Sprache hat das Ziel, ein Bewusstsein für und die Anerkennung von Geschlechter- und Rollenvielfalt in der Gesellschaft zu schaffen. Der Genderbegriff umfasst dabei nicht nur das biologische, sondern insbesondere das soziale Geschlecht einer Person. Wohingegen das biologische Geschlecht auf messbaren Faktoren wie Chromosomen, Geschlechtsorganen und Hormonen basiert, bezeichnet das soziale Geschlecht Dinge, die kulturell geprägt eher einer männlichen oder weiblichen Person zugeschrieben werden: z. B. Aussehen, Handlungs- und Verhaltensweisen, Körpersprache etc.

Gendersensible Sprache soll sozial verfestigte Rollenbilder (sprachlich) aufbrechen und die Gleichstellung von Mann und Frau in der Gesellschaft fördern. Das generische Maskulinum, das im Deutschen bei einem Arzt nämlich auch eine Ärztin mitmeinen soll, tut nach Ansicht der Vertreter:innen des Genderns eben genau das nicht. Oder sehen Sie bei der Formulierung „Die Ärzte betreten das Sprechzimmer“ eine geschlechtergemischte Gruppe vor sich? Darüber hinaus sollen besondere sprachliche Konstruktionen mit der sogenannten Gender-Lücke (Gender-Gap) auch Menschen in die Ansprache integrieren, die sich nicht als das Geschlecht fühlen, welches ihnen mit der Geburt zugewiesen wurde.

Gendern soll sichtbar machen, dass keineswegs nur Männer Ärzte sind, es werden können oder dürfen. Mit der Schreibweise „Die Ärzt*innen betreten das Sprechzimmer“ sind weibliche und non-binäre Ärzte nicht nur „mitgemeint“, sondern finden Erwähnung und werden sichtbar.

Wir können uns wohl darauf einigen, dass der Grundgedanke von weniger Diskriminierung und mehr gesellschaftlicher Integration von Geschlechtervielfalt ein positiver ist – in der bisweilen hitzigen Genderdebatte.

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Die gängigsten Varianten des Genderns in der Schriftsprache

So unterstützenswert der Grundgedanke von gendergerechter Sprache ist, so unbequem und kompliziert wird sie oft in der Anwendung. Das fängt schon in der Varianz der möglichen Genderformulierungen an:

  1. Die Beidnennung: z. B. „Leserinnen und Leser“
    Hierbei werden jeweils das männliche und weibliche Geschlecht ausgeschrieben. Non-binäre Personen, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen, werden jedoch nicht erwähnt. Die Beidnennung gilt als die konservativste Form des Genderns, birgt wenig grammatikalische Probleme und ist die längste aller Gender-Schreibweisen.
  2. Das Binnen-I: z. B. „LeserInnen“
    Auch das Binnen-I bezieht nur zwei Geschlechter ein. Es wurde vor allem in den Anfängen der Gendersprache genutzt, heute jedoch aufgrund der Verwechslungsgefahr mit dem kleinen „L“ eher vermieden.
  3. Genderneutrale Formulierungen: z. B. „Lesende“
    Genderneutrale Begriffe sind die geschickteste Form, die Vielfalt der Geschlechter einzubeziehen, ohne sie einzeln benennen oder kennzeichnen zu müssen. Gerade in Texten, die keiner persönlichen Ansprache bedürfen und in denen häufig Pluralformen verwendet werden, sind genderneutrale Formulierungen ein probates Mittel, um gendersensiblen Lesenden entgegenzukommen, ohne bei Genderskeptiker:innen zu sehr anzuecken. Allerdings eignen sich genderneutrale Formulierungen auch nicht in jedem Fall. Und möchte man konsistent im Text bleiben, stoßen Schreibende schnell an ihre Grenzen.
  4. Der Gender-Gap: z. B. „Leser_innen, Leser*innen, Leser:innen“
    Schreibvarianten mit Sonderzeichen – Unterstrich, Sternchen oder Doppelpunkt – sind die Form gendersensibler Sprache, mit der explizit nicht nur männliche oder weibliche Geschlechter berücksichtigt werden sollen. Die, durch das Sonderzeichen entstehende, Lücke im Wort, lässt Platz für alle, die sich keinem der beiden Geschlechter zuordnen können oder wollen. Derzeit ist der Doppelpunkt in vielen Organisationen und Einrichtungen als Mittel der Gender-Wahl auf dem Vormarsch. Hintergrund: Der Doppelpunkt stört den Lesefluss offenkundig weniger, da die Lücke im Schriftbild kleiner ist als bei der Nutzung von Unterstrich und Sternchen. Außerdem gilt der Doppelpunkt als barrierefreier. Denn viele digitale Vorleseprogramme, z. B. für sehbehinderte Menschen, lesen den Doppelpunkt nicht mit – das Sternchen und den Unterstrich aber schon: „Leser-Sternchen-innen“ heißt es dann zum Beispiel. Bei Verwendung des Doppelpunktes machen die meisten Vorleseprogramme einfache eine kleine „Kunstpause“. Das klingt dann fast so, wie man es vielerorts auch schon aus der gesprochenen Gendersprache kennt.

Die große Frage: Stärkt oder schwächt Gendersprache das Unternehmensimage?

Inzwischen gibt es eine Vielzahl an KMUs und Konzernen, die (und wenn auch nur aus Image-Gründen) auf gendergerechte Sprache setzen. Verknüpft ist damit oft eine gewollte Signalwirkung nach außen: Man will als fortschrittlich, weltoffen und diskriminierungsfrei auftreten. Das spielt auch bei Personaler:innen insbesondere in Recruiting-Prozessen eine wichtige Rolle. Mit gendersensibler Sprache im Employer Branding verbindet sich oft die Hoffnung, bei der jungen Generation als attraktives und zeitgeistiges Unternehmen wahrgenommen zu werden.

Die Kehrseite dieser Entscheidung ist allerdings die verbreitete Ablehnung der Gendersprache in der Bevölkerung. Eine Umfrage von Infratest dimap aus dem Mai 2021 ermittelte, dass 65 Prozent der Deutschen nichts von einer stärkeren Berücksichtigung unterschiedlicher Geschlechter in der Sprache halten. Wenn auch Frauen einer gendergerechten Sprache insgesamt offener gegenüberstehen als Männer, so lehnen doch auch sie zu 59 Prozent die Gendersprache ab.

Hinzu kommt, dass mit der Verwendung von Doppelpunkt, Sternchen und Co. auch schnell eine politische Positionierung einhergehen kann. Die Genderdebatte wird maßgeblich aus dem linksliberalen Milieu vorangetrieben. Konservative Vertreter:innen der Gesellschaft sitzen das Thema eher unkommentiert aus und die politische Rechte positioniert sich ganz klar gegen den „Genderwahnsinn“.

Auch die oberste orthographische Instanz – der Rat für deutsche Rechtschreibung – wies erst kürzlich noch einmal darauf hin, dass Schreibweisen mit Gender-Gap „die Verständlichkeit, Vorlesbarkeit (…) sowie vielfach auch die Eindeutigkeit und Rechtssicherheit von Begriffen und Texten" beeinträchtigen. Auch wenn sich der Rechtschreibrat insgesamt für geschlechtergerechte Sprache ausspricht, so ist er doch weit entfernt, die aktuell verwendeten Gender-Gap-Varianten in das amtliche Regelwerk aufzunehmen.

Bevor sich Unternehmerinnen und Unternehmer für die Verwendung gendersensibler Sprache entscheiden, sollten sie Imagevorteile und -risiken genau abwägen. Darüber hinaus ist zu prüfen, inwiefern konsequentes Gendern in der Kommunikation überhaupt möglich und zielführend ist.

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Ist konsequentes Gendern in der Unternehmenskommunikation möglich und nötig?

Gendersensible Sprache wirkt sich auf die Lesbarkeit und/oder Länge von Texten aus. Werden Gender-Gap-Formulierungen vermieden und sich für die Beidnennung der Geschlechter entschieden, wächst die Zeichenzahl in den Texten rapide an.
Über Unterstriche, Doppelpunkte und Sternchen im Text stolpern viele Leserinnen und Leser. Der Lesefluss wird beeinträchtigt und im Zweifel dringt die Botschaft der Texte nicht mehr durch, weil die Konzentration durch Genderformulierungen beeinträchtigt wird.

Des Weiteren ist gerade bei der Nutzung von Sonderzeichen zu bedenken, dass viele Texte einer Rechtschreibprüfung nicht standhalten würden. Auch wir machen diese orthographischen Fehler, wenn wir bisweilen unsere Leserschaft mit „Liebe Ärzt*innen und Zahnärzt*innen“ ansprechen. Den Wortstamm – „Ärzt*“ bzw. „Zahnärzt*“ – gibt es nicht. Das Sternchen ist an dieser Stelle, rein orthographisch gesehen, schlichtweg falsch. Richtiger wäre es, „Liebe Ärztinnen und Ärzte, liebe Zahnärztinnen und Zahnärzte“ zu schreiben. Zugegebenermaßen erscheint uns das nun wiederum etwas zu lang.

Gerade in der Onlinekommunikation ringen viele Marketingspezialist:innen mit Gender-Gap-Formulierung. So intelligent Google, Bing und Co. inzwischen auch sein mögen, bislang gibt es kein Algorithmus-Update, das Genderschreibweisen bei der Indexierung von Webseiten berücksichtigt. Es kann also durchaus sein, dass sich gutgemeinte Gendersprache auf der Unternehmenshomepage negativ auf die Auffindbarkeit und Sichtbarkeit im Web auswirkt.

Die Frage ist, wie konsequent gendergerechte Sprache in der Unternehmenskommunikation sein müsste oder sollte. Reicht es, nur nach außen gendersensibel zu kommunizieren? Wie handhabt man es in der internen Kommunikation? Sollten alle Geschäftsdokumente, wie Verträge, Anordnungen, Vorlagen, Berichte etc., angepasst werden? Und wie verhält es sich mit dem gesprochenen Wort im Patient:innen- oder Mandant:innen-Gespräch?

Kock + Voeste im Findungsprozess diskriminierungsfreier Sprache

Es gibt weder klare Empfehlungen noch Richtlinien für genderwillige Unternehmer:innen, wie sie diskriminierungsfrei unter Berücksichtigung aller Geschlechter bestmöglich kommunizieren können. Und so befindet sich auch die Kommunikation von Kock + Voeste noch immer im Findungsprozess.

Mit einer starken Frauenquote lebt Kock + Voeste die Gleichberechtigung der Geschlechter am Arbeitsplatz. Als Team verurteilen wir jegliche Form von Diskriminierung. Wir achten und respektieren alle Menschen - egal welchen ethnischen Ursprungs, welcher sexuellen Identität, welcher Religionszugehörigkeit, welchen Alters oder welcher sozialen Herkunft. Darin sind wir uns alle einig.

Doch beim Thema „Gendern“ gehen auch bei uns intern die Meinungen auseinander. In einem Team-Workshop haben wir darüber debattiert, Vor- und Nachteile abgewogen, kommunikative Herausforderungen analysiert und versucht, eine für uns alle tragbare Lösung zu finden. Doch noch sind wir nicht am Ziel.

Bislang treffen unsere Websitebesucher:innen und Newsletterabonnent:innen vorrangig auf das Gendersternchen in unseren Texten. Dabei sind wir – zugegeben – nicht sonderlich konsequent: Hier und da finden sich auch Beidnennungen, neutrale Formulierungen und aus Gründen der Suchmaschinenoptimierung (SEO) auch immer mal wieder sogenannte generische Maskulina.

Wir fragen uns: Muss man sich eigentlich für eine Gendervariante entscheiden oder darf man auch mischen? Was würde zum Beispiel gegen eine Kombination aus Beidnennung, genderneutraler Formulierung und Doppelpunkt sprechen? Dürfen wir, mit dem Ziel, ein gutes Google-Ranking zu erzielen und Überschriften kurz und knackig zu halten, unsere Headlines auf der Website ins generische Maskulinum stellen, um dann im Fließtext die Geschlechtervielfalt wieder zu berücksichtigen? Wie würde das auf Sie – liebe Leser:innen, Mandant:innen und Partner:innen – wirken?

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Fest steht, Kock + Voeste möchte in seiner Kommunikation alle Geschlechter berücksichtigen. Die Lesbarkeit der Texte soll davon jedoch möglichst wenig beeinträchtigt werden. Aus Gründen der Barrierefreiheit tendieren wir dazu, unser Gendersternchen zukünftig durch den Doppelpunkt zu ersetzen. Dennoch zeigt sich an unseren Fragen auch, dass wir noch keine abschließende Lösung für die Herausforderungen des Genderns in der Unternehmenskommunikation gefunden haben.

Da sich unsere Texte maßgeblich an Sie, liebe Leserinnen und Leser, wenden, ist uns Ihre Meinung besonders wichtig. Bitte nehmen Sie an unserer Gender-Umfrage teil. Und unterstützen Sie uns, einen für Sie akzeptablen Umgang mit gendersensibler Sprache zu finden. Wir wären sehr dankbar, wenn Sie uns an Ihren persönlichen Einstellungen, Erfahrungen und Lösungen in Ihren Praxen und Unternehmen teilhaben lassen.

Hier geht’s zur Umfrage: https://www.surveymonkey.de/r/XMPC5P7

Wir bedanken uns ganz herzlich für Ihre Teilnahme!